Die 5 Sinne in der Live-Kommunikation - Teil 2

Interview mit Anja Osswald und Hartmut Riehm

Die 5 Sinne in der Live-Kommunikation - Teil 2

Anja Osswald, Inhaberin/Geschäftsführerin phocus brand contact. Die Nürnberger Agentur für Brand Design und Brand Experience residiert auf Platz 6 des Blach Report Kreativrankings 2011. www.phocus-brand.de

Messeauftritte, Events, POS-Aktionen - sie alle verfolgen das Ziel, eine Marke, ein Unternehmen oder eine abstrakte Dienstleistung erlebbar zu machen. Dabei kommt der markenaffinen Ansprache der Sinne eine Schlüsselfunktion zu. Denn je mehr Sinne kongruent angesprochen werden, desto besser die Chancen, auch dauerhaft erinnert zu werden. Die Neurowissenschaft geht von jeweils zehnfacher Wirkungssteigerung pro zusätzlich integriertem Sinneskanal aus.

In Teil 1 mit Matthias Kindler (The Companies) und Oliver Malat (Domset) klang durch, dass die multisensorische Ausrichtung in der Live-Kommunikation noch großen Spielraum lässt, insbesondere wenn sie auf die Marke einzahlen soll. Eine Tendenz, die sich auch in Teil 2 abzeichnet ...

Multisense Institut: Frau Osswald, Herr Riehm - aus Ihrer Erfahrung und Praxis: Inwieweit wird das Potential einer einheitlichen Kommunikation von Markenattributen über alle Sinne in der Live-Kommunikation bereits eingelöst? Welchen Stellenwert geben Sie der multisensorischen Ansprache?

Osswald: Das muss man differenziert betrachten. Bei den Kunden wird multisensorische Ansprache in der Live-Kommunikation eigentlich nicht thematisiert, auch weil dieser Aspekt selbstverständlich ist bzw. sein sollte. Live-Kommunikation bietet das Potenzial, Menschen ganzheitlich zu (er)greifen und damit sehr nachhaltig Botschaften in den Köpfen zu verankern. Wer das versteht, nutzt auch das multisensorische Potenzial der Live-Kommunikation. Bereits vor zehn, zwölf Jahren wurde in Eventkonzeptionen intensiv mit der Sinnesthematik gearbeitet. Auf der einen Seite wird dieses Thema also schon sehr gut und weitgehend eingelöst.

Auf der anderen Seite sind wir noch nicht so konsequent, alle Sinne abgestimmt auf Marken-CI/CD konsequent anzusprechen. Eventagenturen versuchen immer mal wieder, diese Richtung einzuschlagen, aber bei unseren Kunden – vor allem große Marken – ist das Thema noch nicht so präsent, dass man es spielen kann. Dennoch glaube ich, dass wir bei jeder guten Live-Kommunikation über alle fünf Sinne gehen, sie auch inszenieren, aber drei der Sinne in der Praxis eher atmosphärisch auf das Wohlbefinden der Gäste einzahlen und weniger genutzt werden, um ganz klare Botschaften zu platzieren. Der Stellenwert des Themas ist extrem hoch bzw. sollte es sein. Jeder hat zwar ein Bauchgefühl, aber Hintergrund und Wirkung des konsequenten, gezielten Einsatzes aller Sinne ist noch weitgehend unbekannt. Aus meiner Sicht braucht die wissenschaftliche Ebene eine viel breitere Plattform, insofern finde ich die Initiative des multisense® Forums sehr gut.

Hartmut Riehm, nach Leitung der Siemens Messegruppe für den Bereich Industrie seit Anfang 2001 freiberuflicher Berater für Live-Kommunikation, Schwerpunkt: erlebnisorientierte und multisensorische Konzepte, die eine Geschichte erzählen. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Riehm: Zum ersten Teil der Frage: gar nicht. Die meisten Events, die heute veranstaltet werden, liefern ein Überangebot an optischen Reizen garniert mit akustischen Versatzstücken. Die Hände darf der Gast getrost in den Hosentaschen lassen, solange bis es etwas zu essen gibt – irgendein Szene-Food, das der Sättigung auf hohem Niveau dienen soll. Wenn Sie den Gast drei Tage später fragen, woran er sich erinnert, kommen Antworten wie: nette Party, gute Musik, hübsche Mädels, ordentliches Futter. Also: austauschbar, kopierbar, verwechselbar.

Zum zweiten Teil der Frage – einen sehr hohen, wenn die multisensorische Ansprache die zentrale Herausforderung erfüllt: Sie muss eine Geschichte erzählen, welche die frohe Botschaft enthält, die der Veranstalter des Events seinen Gästen vermitteln will. Noch besser: Das Event wird zum Erlebnis, dann erhält der Gast eine aktive Rolle in dieser Geschichte und wird ein wichtiger Teil davon. Die Natur inszeniert die tollsten Erlebnisse in multisensorischer Ansprache. Ich habe am 23. August 1973 ein Bergunwetter auf der Birkkarspitze im Karwendelgebirge erlebt: Ich war in wenigen Sekunden klatschnass und durchgefroren, dazu inszenierte der Donner eine Musik wagnerianischen Ausmaßes, die Blitze knallten im Sekundentakt vom Himmel, die Luft war ozongefüllt, metallischer Geschmack auf der Zunge und Bilder in einem 3D-Panorama, das kein Multiplex-Kino leisten kann. Die Botschaft des Events? Einfach: Du Mensch, mach doch was du willst, ich bin die Stärkere von uns beiden. Ich will jetzt nicht vorschlagen, Blitz und Donner auf den Bühnen der Live-Kommunikation zu inszenieren, auch leisere Erlebnisse sind verständlich. Aber es ist wichtig, an den entscheidenden Stellen der Geschichte die multisensorische Verstärkung einzusetzen, um mit seiner Botschaft unverwechselbar und unvergesslich zu bleiben.

Impression IAA-Auftritt Mercedes-Benz Nutzfahrzeuge 2008: ein intensives Messe-Erlebnis, das alle Sinne markenaffin ansprach. Leadagentur: phocus brand contact.

Multisense Institut: Seitens Ihrer Auftraggeber, gemäß Briefings: Welche CI-Parameter sind in Bezug auf die Markenwerte meistens definiert? Optik, Akustik, Haptik, Olfaktorik, Gustatorik ... Wie schließen Sie ggf. Lücken – falls z.B. keine Richtlinien für die Geruchskomponente oder den „Touch“ eines Produktes existieren, das Eventkonzept mit diesen Ingredienzien aber noch wirkungsvoller würde.

Osswald: Eine kongruente Definition aller Sinne der Marke ist selten. Von den fünf Sinnen sind vielleicht zwei gemäß der Markenwerte übersetzt, zuvorderst der visuelle Bereich. Nur bei einer Handvoll großer Marken ist auch der akustische Sinn definiert – Telekom und Audi sind in diesem Bereich sicher am weitesten, ansonsten steckt auch Audio Branding noch in den Kinderschuhen. Und der Rest ist nicht vorhanden ... Wir entwickeln aus dem, was existiert – CI, Briefinginfos, Markensteuerrad – einen strategischen Leitfaden für die anderen Sinne. Wie wir bestimmte Dinge in dem zu spielenden Format transportieren wollen, hängt auch davon ab, ob das Produkt oder das Unternehmen im Mittelpunkt stehen sollen. Ist es das Produkt, bewegt man sich manchmal mit etwas Distanz vom Unternehmen, und kann ggf. mutiger werden. Bei einem Corporate Event versuchen wir dann, nach eigenem besten Wissen und Gewissen die fehlenden Sinne zu interpretieren.

Riehm: Da darf man unsere Auftraggeber auch nicht überfordern. Ich gebe Ihnen ein kleines Beispiel aus der Praxis: Einer meiner Kunden ist ein hochkarätiger Spezialist, um in so genannten „Klimaschränken“ für die Industrie eine ganz eng und klar definierte Atmosphäre zu schaffen. Die von ihm entwickelte Vision und Mission „Atmosafe“ sollte den wichtigsten Kunden in einem Event vermittelt werden. Wesentliche Fragen unseres Briefings waren: Wie schmeckt Vision? Wie riecht sie, wie schaut sie aus? Eine Herausforderung, denn eine Vision hat keinen über die Sinne definierbaren Körper, sie lässt sich in Worte fassen, aber Worte sind alle schon einmal gesagt oder geschrieben worden.

Wir haben dann aus den zentralen Botschaften der Vision die Symphonie „Atmotion“ in drei Sätzen entwickelt und die Gäste zur Uraufführung eingeladen. Im Vorfeld der Uraufführung gab es alles das, was man von einem Konzertbesuch erwartet: Eis mit heißen Himbeeren, Sekt, Champagner, Gong, das ganze Programm. Allerdings saß der Gast nicht in einem bequemen Polstersessel. Wir haben zwischen zwei gegenüberliegenden Großleinwänden (Leinwand 1 zeigte den Dirigenten, Leinwand 2 das Orchester) eine klassische Orchesterbühne mit vielen Instrumenten, technischem Equipment und Musikern integriert. So standen die Gäste mitten im Geschehen, in einem Bereich, den ich „handgreiflich“ nenne. Eine ganz andere Perspektive, eine ganz andere Art der persönlichen Beteiligung. Im zweiten Satz der Symphonie, der sehr experimentell war und akustisch vom Leben und Wirken der verschiedensten Moleküle in einem Klimaschrank erzählte, haben wir dezent Ozon, schwefelige und metallische Aromen in die Atmosphäre eingebracht, um diesen Teil der Botschaft zu verstärken und dem Gast zu suggerieren, er sei jetzt selbst ein winziges Molekül in diesem Klimaschrank. Der dritte Satz der Symphonie war ein sehr rockiges Liebeslied, gerichtet an die Gäste aus 30 verschiedenen Ländern, die munter mitgeklatscht haben und am Ende nach Zugaben schrien.

2004 bot Siemens Energy auf der HANNOVER MESSE die bis dato größte Wasserbar der Welt mit 2.500 Litern Wasser aus 125 Quellen der Erde, dazu Geschichten, Sagen, Mythen: „Unsere Gäste haben pure Magie getrunken.“ Ein absoluter Publikums-, Medien- und VIP-Magnet. Idee und Realisation: Hartmut Riehm.

Multisense Institut: Wie gehen Sie vor, um auch im Eventformat ein einheitliches Erlebnis für alle Sinne zu schaffen? Wie gestalten Sie z.B. markenaffine Hintergrundmusik, ohne ggf. die CI-Melodie überzustrapazieren?

Osswald: Meist ist kein Budget für eigene Kompositionen vorhanden. Darum geht man sehr pragmatisch mit dem akustischen Element um, richtet sich weniger danach, was zu Unternehmen oder Marke passt, sondern vielmehr zur Atmosphäre des Raums, zu Einrichtung und Licht, und stellt sich die Frage, welches Gefühl man vermitteln will. Nach diesen Faktoren wird der Sound ausgesucht, denn wenn sich der Gast wohl fühlt, ist er auch offen, Botschaften anzunehmen.

In der Face to Face-Kommunikation – unabhängig vom Format, auch am POS oder bei Promotions, wobei man in diesen Disziplinen natürlich direkter kommunizieren muss – tendieren wir immer zu der Empfehlung, den Kunden bzw. Gast nicht mit bestimmten Botschaften zu penetrieren, sondern ihm einfach ein schönes Erlebnis zu vermitteln, denn das konditioniert positiv zum Unternehmen, so dass der Kunde beim Kaufakt automatisch reaktiv an das Produkt denken wird. In diesem Sinne wollen wir eher ein Brand Experience schaffen als eine Marke mit zu kreieren. Allerdings gibt es auch ein paar wenige tolle Gegenbeispiele, bei denen in Live-Formaten markenadäquat multisensorisch kommuniziert wird, so dass auch auf die Marke eingezahlt wird. Aber dazu später mehr ...

Riehm: Erst muss die Geschichte stehen, dann ergeben sich bei der Inszenierung dieser Geschichte fast schon zwangsläufig alle Momente der multisensorischen Verstärkung der Botschaften. Oder aber man fährt zwei Wahrnehmungskanäle asynchron, z.B. indem man Bild und Ton nicht parallel laufen lässt – Beispiel: auf einer Großbaustelle tanzen 42 Kräne zu Richard Wagner’s „Walkürenritt“. Dann ist das Bild so „ver-rückt“, dass es in Erinnerung bleibt.

Markenaffine Hintergrundmusik gibt es nicht, die meisten Marken sind international aufgestellt, und das gilt für Musik nach meiner Erfahrung nur ganz bedingt. Kurze Jingles sind ein ganz starkes Element der Wahrnehmungsverstärkung, John Groves ist da ein wahrer Meister seines Fachs. Wenn aber dieser Jingle auf einer Messe in nervtötenden Lautstärken den ganzen Tag rauf und runter gespielt wird, ist der Standdienstmann, der an dieser Stelle einen 9-stündigen Job machen muss, abends reif für die Klapse. Musik muss in die Inszenierung passen oder als Kontrapunkt asynchron eingesetzt werden.

Multisense Institut: Wo liegt die Wertigkeit, was sind die wichtigsten Parameter der „Licht-Komposition“?

Osswald: Licht ist sicherlich die bedeutendste Komponente für ein erfolgreiches Event. Über Licht und Akustik steuern Sie eigentlich alles. Dieser Aspekt ist bei uns so wichtig, dass wir für jede Veranstaltung einen Lichtdesigner hinzuziehen, denn es handelt sich um ein höchst vielfältiges Medium, z.B. auch aufgrund der neuen LED-Technologien, dessen Einsatz entsprechende Kompetenz verlangt. Zu den Kernfragen gehören: Welche Lichtfarben haben welche psychologischen Auswirkungen? Welche Lichtfolgen und -schnelligkeiten führen zu welchen emotionalen Empfindungen? Es ist unglaublich, wie man Menschen mit diesen Einflüssen emotional steuern kann.

Riehm: In den späten 80er Jahren gab es bei IBM ein sehr interessantes Experiment. Man hat versucht, auf den großen Messeständen mit der Standbeleuchtung den Sonnenlauf eines Tages nachzubilden. Das Ergebnis: Abends um 18.00 Uhr leerte sich ganz automatisch der Stand, weil die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwand. Licht ist eines der schwierigsten Themen bei der Inszenierung, da braucht man absolute Profis, denn falsches Licht kann eine ganze Inszenierung komplett unglaubwürdig machen.

Multisense Institut: Was halten Sie von dem Einsatz von Düften? Wann fänden Sie ihn ggf. sinnvoll und wichtig?

Osswald: Zu diesem Thema habe ich eine zwiespältige Meinung. Ich glaube, Duft ist eine sehr individuelle Geschichte, basierend auf subjektiver Wahrnehmung und Empfindung. Darum reagiere ich mit Vorbehalten auf die Idee, einen bestimmten Duft über eine größere Menge von Menschen ausströmen zu lassen. Ein solches Vorgehen kann auch sehr kontraproduktiv sein. Zudem – wenn Sie an die Raucherdiskussion denken – warum sollen wir jetzt mit einem anderen chemischen „Duft“ die Luft belasten? Wenn es sich allerdings um Düfte handelt, die z.B. von den Materialien ausgehen oder einen natürlichen Ursprung haben, weil z.B. ein Grasbereich zum Messeauftritt gehört, finde ich das fein!

Riehm: Ein ganz spannendes Thema. Als wir 1991 bei Siemens erstmals eine richtige Kaffeebar mit verschiedenen Kaffees in unterschiedlichsten Zubereitungen auf dem Messestand eingesetzt haben, ließen wir jeden Morgen und jeden Mittag auf dem Stand Kaffee rösten. Das war nicht einfach, denn kein Messeveranstalter liebt offenes Feuer auf dem Messestand. Aber der Erfolg gab uns Recht, allein der Geruch des frischen Kaffees zog die Besucher magisch auf unseren Stand.

Multisense Institut: Welche Rolle spielt das passende Catering?

Osswald: Wir entwickeln zwar immer ein spezielles Food-Konzept, das aber im seltensten Fall – ich habe das z.B. noch nie erlebt – auf die Marke oder das Produkt einzahlt, eher auf den Eventanlass. Zu 90% befassen wir uns heute mit dem Themenkomplex „Weltgeschehen“: Kulturen, Länder, Globalisierung. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Besonderheiten verschiedener nationaler Esskulturen. Zurzeit versuchen wir auch, einen anderen Weg einzuschlagen. Wir stellen gerade ein Food-Konzept zusammen, in dem wir vorschlagen, über Mono-Food zu agieren und dabei über unterschiedliche Geschmäcker und Gewürze auch noch die Sinne anzusprechen. Wir sind gespannt, wie diese Idee vom Kunden aufgenommen wird.

Riehm: Es ist mir in meiner ganzen Karriere noch nicht einmal ansatzweise geglückt, dem Geschmackssinn in einer Inszenierung eine tragende Rolle zu geben. Und ehrlich: Ich stecke da auch keinen Ehrgeiz hinein. Der Geschmack ist der intimste Sinn des Menschen. Wie ich schmecke, weiß nur meine Frau. Wir haben in der Zeit, als wir als Familie am gemeinsamen Esstisch saßen, das Essen immer als heilige Handlung verstanden, die keinerlei Störung oder Belastung verträgt. Ich hasse Arbeitsessen. Erst essen, dann arbeiten, meinetwegen. Ein gutes Catering gehört ins Rahmenprogramm eines Erlebnisses. „Essen mit guten Freunden“ – das ist eine ordentliche Botschaft, mehr lässt sich, fürchte ich, nicht transportieren.

Multisense Institut: So wichtig haptische Eindrücke für die Gesamtwahrnehmung sind – bis auf den Klassiker „in der Dunkelheit Materialien erspüren“ scheint dieser Sinn weniger angespielt zu werden – oder?

Osswald: Zumindest fällt es auch bei fehlender Definition des haptischen Sinns nicht so schwer, diesen Markenbereich abzuleiten. Es gibt ja Markenwerte oder ein Markensteuerrad, das sehr gut erklärt, wie das Unternehmen wahrgenommen werden will. Haptische Eindrücke sind extrem wichtig – nicht nur die, die wir bewusst über den Tastsinn, die Finger wahrnehmen. Es geht auch darum, sich Gedanken zu machen, welche Qualität z.B. der Boden hat, welches Erleben wir dem Kunden damit vermitteln wollen. Läuft er z.B. über einen weichen Boden, stellt sich unbewusst das Gefühl von Erholung und Wohlbefinden ein. Zudem versuchen wir, ihn z.B. durch hautschmeichelnde Materialien zur Berührung zu bewegen, anzufassen, zu spüren.

Die Haptik ist auch ein großer Punkt in der Printkommunikation, für die es mittlerweile viele tolle Materialien gibt. Wir haben beispielsweise einmal eine Buchedition als Einladung für eine Eventreihe gemacht und den Umschlag das jeweilige Thema kommunizieren lassen. Für die Station America’s Cup Valencia erhielt das vom Kunden gesponserte Team das Buch z.B. mit einem Segeltuch-Umschlag. Wenn wir etwas Angenehmes berühren, beschäftigen wir uns auch damit. Wir würden den haptischen Sinn gerne mehr anspielen, aber auch hier sind meist budgetäre Grenzen gesetzt.

Riehm: Auch das Fühlen ist ein sehr intimer Sinn. Man muss die Distanz zum fühlenden Objekt/Subjekt schon auf unter einen Meter reduzieren, wenn man „handgreiflich“ werden will. Aber haptisches Erleben lässt sich relativ leicht in 1:1-Situationen auf Messen einbauen, auch für Produkte, die keinen haptischen Körper haben wie z.B. Versicherungen. So symbolisiert Canada Life, ein anglo-amerikanischer Versicherer, die drei Vorteile seines Versicherungsangebotes durch Jonglierbälle. Bei der Präsentation jongliert der Standdienstmitarbeiter mit den Bällen, die er anschließend seinem Gast in die Hände gibt. Und jetzt materialisiert sich etwas, das er begreifen kann. Die Resonanz auf diese Form der Ansprache war gigantisch. Es gibt schon seit langem ein Unternehmen in Deutschland, die Touchmore GmbH in Remscheid, die auf dem Gebiet der haptischen Verankerung von Botschaften ganz außerordentlich erfolgreiche und ganzheitliche Konzepte anbietet.

Multisense Institut: Welche Trends herrschen zurzeit im visuellen Bereich vor? Beispielsweise auf Messen oder bei Corporate Events ...

Osswald: Wenn sich ein visueller Trend durchsetzen kann, wird er häufig flächendeckend kopiert. Das geht so weit, dass man selbst bestimmte Möbel nicht mehr sehen kann. Was in den letzten Jahren auch sehr verbreitet war, sind von weitem sehr schöne Stände mit abgerundeten Ecken und Weiten in der Fläche, dazu allerdings ein schaler Apple iPod Macbook Style. Ein anderer Trend, den ich insbesondere auch als Mitglied der Adam-Jury für ausgezeichnete Messeauftritte immer wieder gesehen habe, ist „der Mensch im Mittelpunkt“. Statt diverser gestalterischer Elemente tauchten immer wieder überdimensionale Menschenfiguren auf. Im Moment versucht man wieder, neue Zeichen zu setzen – eine Phase, die wir als sehr angenehm empfinden. Wir arbeiten zurzeit daran, aus einer kleinteiligen Formensprache wieder ein großes Bild zu schaffen.

Riehm: Das Sehen ist der anonymste Sinn des Menschen: Ich kann sehen, ohne gesehen zu werden. Auch das Hören kann oftmals anonym erfolgen. Zudem sind beide Sinne unsere am meisten strapazierten. Auf Messen wird der Besucher mit optischen und akustischen Sinnesreizen zugeballert – ein wahrer Sturmangriff auf die Sinne, der am Ende zu einer Verstopfung der Wahrnehmungskanäle und zu Tunnelblicken führt. Gleichwohl: starke, einfache, vielleicht auch mal das Detail betonende Bilder wirken immer, wenn man dem Besucher reizreduzierten Raum gibt, um diese Bilder auch wirken zu lassen. Ich kann mich erinnern, dass wir 1994 einen relativ großen Messestand mit etwa 500 qm gebaut haben, der bis auf einen etwa drei Meter breiten Zugang komplett geschlossen war. Damit hatten wir auf unserem Stand alle Fremdreize aus der Halle ausgeblendet, was wie ein emotionaler Reset auf den Besucher wirkte, und wir konnten seine Aufmerksamkeit mit großen, starken Bildern gezielt neu besetzen.

Im Event-Bereich sind Bilder für das Erzählen einer Geschichte unverzichtbar. Hier spiele ich gerne mit den Medien, um Geschichten in unterschiedlichen Zeitebenen zu erzählen, die Gegenwart im Film, die Zukunft findet auf der Bühne statt und der Gast ist live dabei. In diesem Bereich habe ich mit Cadrage aus Schondorf am Ammersee ganz spannende Dinge und wunderschöne Geschichten gemacht.

Multisense Institut: Ein Vorzeigebeispiel - gerne auch aus Ihrem Hause - für multisensorische Livekommunikation?

Osswald: Unser bestes Beispiel für diesen Bereich ist schon ein bisschen älter. Wir durften bereits drei Mal als Leadagentur den IAA-Auftritt für die Nutzfahrzeuge von Mercedes-Benz gestalten. Der Auftritt auf der IAA 2008 bot starke visuelle Aspekte, aber wir haben auch einen sehr intensiven, eigens für die Marke komponierten Sound einsetzen können, sehr schöne Lichtgeschichten mit interaktivem Touch eingebunden und haptische Elemente integriert – die Marke war in allen Sinnen spürbar, und das haben wir auch zurückgespielt bekommen. Im Fazit haben 98% der Besucher kommentiert, dass sie sich auf dem Messestand der Marke Mercedes-Benz zu Hause gefühlt haben.

Riehm: Da wähle ich ganz bewusst ein sehr einfaches und leicht nacherzählbares Beispiel, auf das ich auch ganz schön stolz bin. Im Spätherbst 2003 fragte mich der MarCom-Chef der Siemens Energy, Günter Baumgartner, welche Inszenierung ich für den Stand auf der Hannover Messe 2004 vorschlagen würde. Thema: Globalität, Energie, Gastfreundschaft zeigen. So kurz und knapp war das Briefing. Zwei Wochen später habe ich ihm mein Konzept mit wenigen Sätzen vorgestellt: Wir machen eine Wasserbar „Acqua Pura“ mit Wassern aus allen Ländern der Erde. Warum? Wasser ist das Globalste, was es gibt, es findet sich in allen Ländern der Erde. Wasser ist Energie pur. Und ein Glas Wasser ist die elementarste Geste der Gastfreundschaft in allen Kulturen dieser Welt. Baumgartner sagte sofort: Machen wir. Fang an. So schnell kann Briefing, Präsentation und Beauftragung gehen. Ich habe dann drei Monate lang zu allen möglichen Quellen und Wassern in Literatur und Internet recherchiert, Quellen und Abfüller in halb Europa besucht, mit Sommeliers zum Thema Wasser gesprochen, der bekannteste deutsche Sommelier, Markus del Monego, hat mir dann den Erlenmeyer-Kolben als ideales Wasserglas empfohlen. Für die Beschaffung der Wasser haben wir einen riesigen Aufwand treiben müssen, eines der Wasser, „Cloud Juice“ wurde via Segelboot von Australien, King Island, nach Melbourne transportiert und von dort via Deutschland geflogen. Am 13. April 2004 landeten 2.808.000 tasmanische bei Vollmond eingefangene Regentropfen in Nürnberg und verwirrten die hiesigen Zollbeamten, die nicht begreifen konnten, dass sich ein paar Verrückte Regenwasser um die halbe Welt fliegen lassen.

Auf der Hannover Messe hatten wir dann etwa 2.500 Liter Wasser aus 125 Quellen der Erde, das war damals die größte Wasserbar der Welt, und einen unendlichen Sack voller Geschichten, die wir natürlich unseren Gästen auf der Messe erzählt haben. Und da passierte etwas Außergewöhnliches: unsere Gäste tranken kein einfaches Wasser mehr, durch unsere Geschichten, Sagen, Mythen und Märchen zu den einzelnen Quellen war es zu etwas Magischem, Zauberhaftem geworden, dem beim Trinken mehr Aufmerksamkeit, ja sogar Andacht gewidmet wurde als dem teuersten Rotwein. Die Medien kamen, jeder Fernsehsender wollte die Wasserbar in Bild und Ton festhalten, ganze Delegationen von Politikern und hochrangigen Gästen, die Wasserbar war innerhalb ganz kurzer Zeit zum Messegespräch geworden. Ich glaube, mit der Wasserbar ist es mir zum ersten Mal gelungen, in der Hauptsache den Geschmackssinn unserer Gäste in den Mittelpunkt zu rücken. Die Resonanzen und Ergebnisse für Siemens Energy waren unbeschreiblich gut, man erzählte uns, dass Gäste auf dem Stand gewesen seien, die nur wegen der Wasserbar gekommen seien und die man sonst nicht hätte auf dem Stand begrüßen können.

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