Die Nase hat eine direkte Standleitung zu Emotionen und Erinnerungen

Interview mit Prof. Hanns Hatt, Geruchsforscher

Die Nase hat eine direkte Standleitung zu Emotionen und Erinnerungen

Der renommierte Duftforscher Hanns Hatt ist Professor an der Fakultät für Biologie und Inhaber des Lehrstuhls für Zellphysiologie der Ruhr-Universität Bochum. (Bildquelle: Ruhr-Universität Bochum)

Literaturtipp zum Thema

Hanns Hatt, Regine Dee: Das Maiglöckchen-Phänomen. Alles über das Riechen und wie es unser Leben bestimmt. Verlag Piper, September 2008. Gebundene Ausgabe, 320 Seiten, 19,90 Euro. ISBN: 9783492052245.

Wussten Sie, dass Spermien „Riechköpfe“ haben, natürlicher Orangenduft süße Träume beschert und ein Duft aufgrund von Erinnerungsmustern sechs Jahre jünger machen kann? Die Welt der Düfte ist so unbekannt wie faszinierend. „Riechen ist ein vernachlässigter Sinn“, wie Prof. Hanns Hatt feststellt. Dabei spielt er eine ausschlaggebende Rolle bei unseren Entscheidungen, ob es um Sympathie für einen Menschen oder die Präferenz für ein Produkt geht.

Der Biologe und Mediziner zählt zu den bekanntesten Geruchsforschern Deutschlands, ist mehrfach ausgezeichnet mit Forschungspreisen für Bahn brechenden Entdeckungen. Beispielsweise, dass die weibliche Eizelle einen zarten Maiglöckchenduft verströmt, von den Spermien via entsprechendem Riechrezeptor geortet. Empfängnis via Duftkommunikation.

Seit 1992 ist Hatt Professor an der Fakultät für Biologie und Inhaber des Lehrstuhls für Zellphysiologie der Ruhr-Universität Bochum. Gleich nebenan läuft die vom ihm mit initiierte größte Duftausstellung Europas. Ein spannender Anlass, tiefer in die unsichtbare Welt der Gerüche einzutauchen.

Multisense Institut: Professor Hatt, welchen Stellenwert und welche Aufgaben hat der Geruchssinn in der evolutionären Entwicklung?

Prof. Hatt: Der Geruchssinn gehört zu den ersten Sinnen, die sich bei den Lebewesen auf der Erde entwickelt haben. Als sich das Leben noch in dunklem Wasser abspielte, konnten die ersten Lebewesen weder sehen noch hören. Deswegen hat sich vor Milliarden von Jahren schon bei den Einzellern zuerst der chemische Sinn entwickelt, um damit Duftkommunikation im weitesten Sinne zu betreiben.

Bei uns Menschen beobachtet man im evolutionären Prozess – von den Säugetieren zu den Primaten und dann zum Menschen – allerdings eine Abwärtsentwicklung. Man weiß, zumindest was die Zahl der unterschiedlichen Rezeptoren angeht, dass der evolutionäre Höhepunkt bei Mäusen und Ratten mit über 1.000 verschiedenen Rezeptortypen erreicht wurde. Schon die Menschenaffen mit rund 500 verschiedenen Sensoren sind bereits wieder auf dem absteigenden Ast. Beim Menschen sind es dann nur noch 350 Rezeptortypen, was auch das Spektrum an wahrnehmbaren Düften beschränkt, denn jeder Rezeptor ist für einen bestimmten Duft zuständig.

Die 1.000 Riechrezeptor-Gene der Maus sind in unserem Genom allerdings alle noch vorhanden; sie sind nur teilweise abgeschaltet. Der Hintergrund ist, dass diese Riechrezeptoren von einem Gen hergestellte Eiweiße sind. Jedes Gen in unserem Genom wird immer wieder daraufhin überprüft, ob seine Aktivierung sinnvoll ist, einfach weil es Energie kostet, dieses Eiweiß herzustellen. Bringt ein Gen keinen Evolutionsvorteil mehr, wird es mit der Zeit stillgelegt.

Europas größte Duftausstellung „Himmlische Düfte und Höllengestank“ lockte bisher rund 30.000 Besucher in den Botanischen Garten der Ruhr-Universität Bochum. Die Entdeckungstour für die Nase bietet u.a. über 60 Schnupper-Exponate, anschauliche Erklärungen zur Bedeutung der präsentierten Düfte, Einblicke in die Produktion und Gewinnung von Düften sowie eine Kulturgeschichte des Duftes. (Bildquelle/Copyright: Sabine Wegner/Multisense Institut.)

Multisense Institut: Welcher Sinn bildet sich in der individuellen Entwicklung zuerst: der Hörsinn oder der Geruchssinn?

Prof. Hatt: Es ist ein bisschen umstritten, ob der Embryo zuerst hören oder riechen kann. Ab der 26. Schwangerschaftswoche ist sein Geruchssinn auf jeden Fall komplett ausgebildet. Der Embryo nimmt alle Düfte der Mutter wahr, er riecht sozusagen mit der Mutter und nimmt darüber auch wahr, was sie isst. Man kann also sagen, dass die Geruchs- und Nahrungspräferenzen schon im Mutterleib geprägt werden.

Multisense Institut: Ein Großteil des Nahrungsangebotes im Supermarkt kommt aus dem Chemielabor. Können unsere Nasen noch zwischen natürlichen und künstlichen Düften unterscheiden?

Prof. Hatt: Technisch gesehen ist das für die Nase kein Problem. Naturgerüche sind allerdings von einer Pflanze hergestellte komplexe Mischungen, nie reine Einzelsubstanzen wie häufig bei synthetischen Gerüchen der Fall. Das Aroma einer Kaffeebohne enthält beispielsweise über 100 verschiedene Duftkomponenten. Man kann Kaffeeduft natürlich auch synthetisch herstellen. Dafür brauche ich nur etwa zehn der wichtigsten Aromastoffe, und schon riecht es nach Kaffee.

Von daher ist es also möglich, einen synthetischen Duft zu erzeugen, der schwierig vom Original zu unterscheiden ist. Allerdings ist diese Fähigkeit auch von Training und persönlicher Erfahrung abhängig. Wenn ich als Kind z.B. immer nur Joghurt mit synthetischem Mangoduft bekommen habe, speichere ich diesen – ohne zu wissen, dass er synthetisch ist – als Original-Duft ab. Rieche ich dann den natürlichen, viel komplexer aufgebauten Mangoduft, erinnert er mich zwar ein bisschen an Mango, wird von mir aber wahrscheinlich eher als fremd und damit als synthetisch eingeordnet. Insofern ist es immer entscheidend, welchen Duft ich zuerst kennen gelernt habe, und ob er mir als Original oder synthetisch vermittelt wurde. Dem Rezeptor in der Nase ist es allerdings gleichgültig, ob z.B. Vanillin von einem Chemiker oder einer Vanillepflanze hergestellt wurde, solange es sich um das identische Molekül handelt.

Multisense Institut: Man ahnt, von Düften umgeben zu sein, aber die meisten Gerüche nehmen wir gar nicht bewusst wahr. Warum wirken sie trotzdem?

Wie ich immer gerne provokativ sage: Unsere Nase schläft nie! Sie arbeitet 24 Stunden am Tag. Denn mit jedem Atemzug nehme ich die in der Luft schwebenden Duftmoleküle auf, von denen allerdings nur eine kleine Probe entnommen, in die Riechschleimhaut geblasen und dort analysiert wird. Aber das mit jedem Atemzug. Und unabhängig davon, ob ich wach bin oder schlafe. Aufgrund der Erregung der Riechzellen durch die Duftmoleküle wird ein Strom produziert, der über Nervenfasern ins Gehirn geleitet wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob Sie das bewusst wahrnehmen oder nicht. Ihr Gehirn wird durch diese Duftinformationen verändert und geprägt.

Multisense Institut: Wie speichert das Gehirn Düfte ab?

Prof. Hatt: Eine Orange, Kaffee oder ein Parfüm basieren beispielsweise auf jeweils rund 100 verschiedenen, gemischten Duftkomponenten. Entsprechend aktivieren sie auch immer dieselben spezifischen 100 aus 350 Rezeptoren. Und diese Kombination speichere ich ab. Jedes Mal, wenn ich danach z.B. Kaffeeduft einatme, erzeuge ich ein Muster, und dieses Muster wird dann im Gehirn verglichen: Wird ein passendes Muster gefunden, erkenne ich, dass es Kaffee ist.

Multisense Institut: 350 Rezeptoren scheinen ein recht bescheidenes Instrumentarium für die riesige Welt der Düfte zu sein ...

Prof. Hatt: Anschaulich gesagt: Das Duftalphabet hat 350 Buchstaben – daraus können sie beinahe jedes beliebige Duftwort machen, ob als Parfümeur oder in der Natur. Diese Duftwörter können allerdings auch nur zehn oder nur einen Buchstaben haben, wie z.B. reines Vanillin.

Riechen lernen ist allerdings viel schwieriger als Wörter lernen. Denn ich muss die ganze Komplexität dieser kombinatorischen Erregung abspeichern. Wenn ich einen Duft rieche, speichere ich mit der Duftkombination gleichzeitig meine momentane emotionale Situation ab, dazu Bilder, Töne usw. – all das wird als Paket abgespeichert. Und immer wenn ich mit einem Duft dieses Duftmuster auslöse und wieder erkenne, werden automatisch auch die anderen sinnlichen Eindrücke mit wachgerufen.

Multisense Institut: Klingt, als wenn wir Geschichten abspeichern statt Details ...

Prof. Hatt: Genau, wir speichern nicht einzelne Fakten ab, sondern ganze Sets, in die wir alle Sinneseindrücke und Emotionen integrieren. Düfte sind besonders dafür prädestiniert, dieses ganze Set später wieder hervorzurufen.

Multisense Institut: Zeichnet das diesen Sinn vor anderen aus?

Eigentlich schon. Die Nase hat sozusagen eine direkte Standleitung in die Gehirnareale des limbisches Systems, zuständig für Emotionen und Stimmungen, sowie in den Hippocampus, verantwortlich für Erinnerung und Gedächtnis. Das ist der Hauptgrund, warum Düfte inklusive aller weiteren Sinneseindrücke abgespeichert und diese bei Duftmusteraktivierung sofort mit ausgelöst werden. Im Vergleich dazu werden Informationen aus den Augen und Ohren erst einmal an verschiedenen Stellen im Gehirn verschaltet, bis sie im limbischen System und im Hippocampus ankommen.

Multisense Institut: Ist dann die emotionale Wirkung von Düften grundsätzlich eine individuelle Geschichte?

Prof. Hatt: Wenn die Duftinformationen von den Sinneszellen der Nase ins Gehirn geleitet werden, werden zuerst die Emotions- und Gedächtniszentren aktiviert. Daher können sie nicht bei jedem Menschen die gleiche Wirkung auslösen, denn jeder Mensch verbindet mit jedem Duft eine andere Erinnerung. So kann es sein, dass der eine Mensch beim Riechen eines Duftes Angst empfindet, weil er diesen Duft erstmals im Rahmen einer Angstsituation wahrgenommen hat, während ein anderer Mensch im Gegenteil Freude, Vertrauen, eine angstlösende Wirkung erfährt, weil er gegenteilige Erfahrungen mit diesem Duft verbindet.

Multisense Institut: Dann gibt es also keinen einzigen Duft, der beispielsweise von allen geliebt wird?

Prof. Hatt: Ja, es gibt keinen weltweiten Duft, den jeder Mensch angenehm findet oder nicht mag.

Multisense Institut: Erinnert mich an einen Arbeitskollegen, der eine einsame Vorliebe für den Duft frisch gedüngter Felder hatte, denn das erinnerte ihn an seine Kindheit auf einem Bauernhof.

Prof. Hatt: Ja, so ist das. Jauche empfinden wir als stinkend. Aber wenn man mit diesem Geruch aufgewachsen ist, verbindet man positive Heimatgefühle mit ihm. Ein anderes Beispiel: die Massai in Afrika. Je mehr man dort nach Mist stinkt, desto angesehener ist man. Denn man geht davon aus, dass sich die Zahl der Nutztiere, die man besitzt, auch in der Intensität des Duftes ausdrückt. Das heißt, man ist sogar hoch angesehen, wenn man streng nach Mist riecht.

Multisense Institut: Sie forschen auch an Düften, die selbst bei „verstopfter“ Nase wirken und zwar überindividuell. Gilt das z.B. für Menthol? Auf welchem Weg entfalten diese Düfte ihre Wirkung?

Prof. Hatt: Wenn ich einatme, kommt etwa 5% der Luft in die Riechschleimhaut der Nase, und ca. 95% der Luft geht – je nachdem, wie ich atme – entweder durch den Mund oder durch die Nase direkt in die Lunge. Dabei werden mit der Atemluft auch die sich in der Luft befindlichen Duftmoleküle mit eingeatmet. Wie wir inzwischen wissen, gelingt es diesen Duftmolekülen über die Lunge ins Blut zu gelangen. Deswegen wirken sie bei jedem Menschen gleich – wie ein Medikament.

Denken Sie z.B. an alte Narkosemittel: Äther und Chloroform – das sind ja auch Düfte. Ein wunderbares Beispiel dafür, dass ich mich durch das Einatmen von Düften sogar narkotisieren kann. Das gilt natürlich für jeden Menschen, und die Wirkung dieser Düfte stellt sich mit oder ohne Nase ein. Alternativ können Sie den Duft in die Haut einmassieren – eine gängige Methode in der Aromatherapie –, auch dann erscheinen die Duftmoleküle innerhalb von ca. 15 Minuten im Blut.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass Düfte wie ein Pharmakon wirken: Wir haben vor kurzem einen Duftstoff entdeckt – eine nach Jasmin riechende Komponente aus dem Gardenienduft –, der sogar wirksamer als Valium bzw. ein Barbiturat ist. Er dockt im Gehirn an die gleichen Rezeptoren wie Valium an und verursacht so molekular-zellular den gleichen Effekt. Man kann ihn mithin als pflanzliches Valium bezeichnen. Atmen Mäuse diesen Duft ein, schlafen sie nach zehn Minuten ein.

Menthol oder auch Eukalypthol gehen ebenfalls direkt ins Blut und von dort ins Gehirn, wo sie gegenteilige Wirkungen hervorrufen. Zudem haben sie einen Effekt auf den Nervus Trigeminus, unseren Warn- und Schmerznerv, der im gesamten Gesicht, auch in Nase und Mund angesiedelt ist. Er verursacht Zahnschmerzen, warnt uns aber auch vor einer Überdosis an Duftmolekülen. Wenn dieser Nerv aktiviert wird, wie z.B. durch Menthol, gibt er dem Gehirn eine Warnmeldung: Hier ist irgendetwas in der Luft, das gefährlich sein könnte. Und dann wird das Gehirn bzw. der Mensch aufmerksam und wach. Interessanterweise sind die Sensoren für Menthol im Nervus Trigeminus gleichzeitig unsere Kälterezeptoren. Das ist der Grund, warum wir mentholhaltige Luft immer als kalt empfinden oder beim Lutschen von Menthol- bzw. Eukalyptusbonbons auch Kälte im Mund verspüren.

Multisense Institut: Basiert auf solchen Erkenntnissen auch die Aromatherapie bzw. ist deren Wirkung mittlerweile wissenschaftlich abgesichert?

Prof. Hatt: Eine Reihe der Wirkungen von Aromen, die in dieser Therapie eingesetzt werden, ist inzwischen tatsächlich wissenschaftlich belegt. Aber es tummelt sich leider immer noch sehr viel Esoterik in diesem Bereich. Schade, denn im Prinzip denke ich, dass die Aromatherapie sehr hilfreich sein kann und eine gute Alternative zu manchen Pharmaka darstellt.

Multisense Institut: Was halten Sie davon, verstärkt Düfte einzusetzen, um den Konsumenten zu betören bzw. zu überzeugen? Beispielsweise in Geschäften, auf Veranstaltungen, auf bzw. in Werbematerialien, auf Produkten bzw. als Produkteigenschaft – ein PC mit Duftkartusche ist schon in Planung ...

Prof. Hatt: Das hat sich eigentlich angeboten. Marketing spricht ja alle Sinne an. Wenn ich dieses Thema in meinen Vorträgen anschneide, regen sich die Teilnehmer häufig auf, dass es schlimm sei, jetzt auch noch über Düfte manipuliert zu werden. Allerdings sind andere Gestaltungselemente auch nicht zufällig entstanden: die Verpackung eines Produkts im Supermarktregal, ihre äußere Form, ihre Struktur, Farbe, Bild, Text – alles ist nach ausgeklügelten Marketingstrategien für das jeweilige Produkt und seinen Vertriebsweg entwickelt worden. Und jetzt integriert man auch die Düfte in diese Verführungsstrategien. Denn sie sind besonders spannend für das Marketing, da sie eben nicht so ins Auge springen, sondern mehr im Unterbewussten arbeiten, aber trotzdem Entscheidungen beeinflussen können.

Außerdem muss man beim Vorwurf der Manipulation auch bedenken, dass wir alle, die wir in dieser Gesellschaft leben, die größten Manipulateure sind. Denn jeder Duftstoff, den ich kaufe und also bewusst auf meinen Körper gebe – ob das ein Deo, Shampoo, Zahncreme oder Parfum ist – dient ausschließlich dem Zweck der Manipulation: Ich möchte, dass mich mein Gegenüber gut riechen kann. Bevor wir also immer auf die „böse Industrie“ schimpfen, sollten wir uns – im wahrsten Sinne des Wortes – erst einmal an die eigene Nase fassen.

Dazu kommt, dass Düfte eigentlich angenehm sind und für das Gros der Menschen etwas wirklich Wohltuendes und positiv Besetztes. Es ist ja nicht so, dass uns Düfte grundsätzlich stören, sondern im Gegenteil: Wir freuen uns an ihnen! Also wäre es schade, keine Düfte mehr zu benutzen, denn damit berauben wir uns vieler schöner Erlebnisse. Problematisch kann allerdings die Konzentration eines Duftes sein. Ich denke, dass die Menschen im Moment – wie so oft in unserer Gesellschaft – nach dem Motto verfahren: Viel hilft viel. Aber bei Düften hilft viel nun nicht viel, sondern im Gegenteil: Man kann sehr viel kaputt machen, weil zu hohe Konzentrationen tatsächlich auch störend sind, Kopfschmerzen und Allergien auslösen können – da spielt wieder der Nervus Trigeminus hinein. Das ist der Hauptpunkt, den die Leute beachten sollten. Die Nase ist unser empfindlichstes Sinnesorgan, darum sollte man so wenig Duft wie möglich einsetzen!

Multisense Institut: Derzeit läuft im Botanischen Garten der Ruhr-Universität die größte Duftausstellung Europas: „Himmlische Düfte und Höllengestank“. Welche Highlights erwarten die Besucher?

Prof. Hatt: Ja, das ist im Moment tatsächlich Europas größte Duftausstellung – es gibt über 60 verschiedene Exponate, an denen man riechen kann und die Bedeutung des jeweiligen Duftes erfährt. Beispielsweise die acht unser Leben bestimmenden Düfte, an denen wir selbst geforscht und festgestellt haben, dass sie ganz direkt auf das menschliche Leben einwirken. Dazu gehört z.B. der Orangenduft, dessen Wirkung wir vor einigen Jahren im Schlaflabor untersucht haben. Dabei hat sich gezeigt, dass er bei Männern für hochsignifikant positivere Trauminhalte sorgt – im Gegensatz z.B. zu Fäkaliengeruch im Schlafzimmer – aber auch, dass unsere Nase nie schläft. Solange wir atmen, riechen wir.

Sie finden in der Ausstellung natürlich ebenfalls diesen jasminartigen Duft, der sozusagen eine Einschlafhilfe mit Valiumwirkung ist. Oder den Maiglöckchenduft, der die Spermien anlockt. Wie wir auch publiziert haben, gibt die weibliche Eizelle Maiglöckchenduft ab. Der entsprechende „Nasen-Rezeptor“ kommt auch im Kopf der Spermien vor und hilft ihnen, den Weg bis zur Eizelle zu finden.

Ferner haben wir einen Riechrezeptor, der in der Nase den Veilchenduft wahrnimmt, auch in Prostatazellen gefunden, vor allem aber in Prostata-Krebszellen. Also haben wir geschaut, welche Wirkung er hat. Als wir entsprechendes menschliches Krebsgewebe mit dem Veilchenduft „beduftet“ haben, konnten wir beobachten, dass er das Wachstum der Krebszellen stoppt – zumindest in der Testsituation. Es wird natürlich noch Jahre dauern, bis diese Forschungserkenntnisse in eine mögliche neue Therapie umgesetzt werden können.

Und – vielleicht für die Damenwelt interessant: Wissenschaftler haben einen Duft entdeckt, mit dem man sechs Jahre jünger und sechs Kilo leichter geschätzt wird. Diese Duftwirkung basiert auf unserer persönlichen Erfahrung. Der Duft wird überwiegend von jungen, schlanken Mädchen benutzt, z.B. in Form eines Parfums. Rieche ich diesen Duft mehrmals hintereinander, dann werde ich ihn auch mit dem Bild eines jungen, schlanken Mädchens verknüpfen. Das heißt, wenn ältere, fülligere Damen diesen Duft tragen, werden sie von mir automatisch jünger und schlanker geschätzt.

Multisense Institut: Verraten Sie uns, wie dieser Duft heißt?

Prof. Hatt: Es handelt sich um rosa Pampelmusen-Duft, der wie ein Jungbrunnen riecht. Außerdem gibt es noch einen floralen Duft, in dem sich Rose und Citrus mischen, der ähnlich wirkt. In der Ausstellung können Sie dann u.a. auch eine Komponente des Männerschweißes riechen, der glücklich macht: Androstenon. Wenn Frauen ihren Eisprung haben, finden sie diesen Duft weniger unangenehm. Denn er riecht etwas nach Urin und alter Bettwäsche.

Aber es gibt noch viel mehr zu entdecken! Beispielsweise, wie Pflanzen und Tiere Düfte produzieren, Gewürzdüfte, deren Duft in feinen Härchen oder in den Wurzeln sitzt, wie man Düfte aus Pflanzen destilliert oder sie durch Einlegen in Öle bzw. Fette gewinnen kann. Neben himmlischen Düften und Höllengestank gibt es auch einen Pfad, der durch die Kulturhistorie des Duftes führt – vom alten Ägypten über das Mittelalter bis in die neue Welt der verschiedenen Parfüms. Schon die alten Ägypter haben Düfte verwendet, u.a. sind die Pharaonen-Mumien alle in Tücher mit ätherischen Ölen eingewickelt worden, da diese eine antibakterielle, Viren und Pilze abtötende Wirkung haben.

Dazu kann man sich stundenlang im Botanischen Garten aufhalten und die einzelnen Duftinseln, auf denen Küchenkräuter und Arzneipflanzen angebaut sind, und natürlich das Rosarium mit seinen vielen Sorten von Duftrosen besuchen. Das macht total Spaß, und die Besucher sind ganz begeistert. 30.000 Menschen haben sich die Ausstellung schon angeschaut. Sie ist noch bis 31. Oktober täglich geöffnet.

Multisense Institut: Als begeisterter Duftforscher – gibt es noch eine Botschaft, die Sie uns mit auf den Weg geben möchten?

Prof. Hatt: Wichtig ist natürlich schon – und dazu ist auch die Ausstellung da –, dass wir den Menschen sagen möchten: Ihr habt nicht nur Augen und Ohren, sondern auch eine Nase. Euch umgibt eine unbekannte und unsichtbare Welt. Selbst wenn Sie die Düfte weder sehen noch riechen können – die Luft ist nicht nur mit Sauerstoff und Stickstoff gefüllt, sie ist auch voller Duftmoleküle. Es gibt keinen duftfreien Raum! Überall fliegen Duftmoleküle wie Staubkörper durch die Luft. Mit jedem Atemzug kommen sie in unsere Nasen, unsere Körper und können viele wichtige Wirkungen auslösen und damit tief in unser Leben eingreifen. Daher: Gehen Sie nicht nur mit offenen Augen, sondern auch mit offener Nase durch die Welt. Sie werden eine völlig neue Welt kennen lernen!

Jeder Mensch hat die gleichen 350 Sensoren – Eskimo, Afrikaner, Amerikaner, Asiat ... Ob Sie gut riechen können, hängt vor allem von Training und Lernen ab. Ein Parfümeur übt beispielsweise jeden Tag ein bis zwei Stunden. Er hat keine bessere Nase als Sie, sondern jeder kann durch Üben zum Parfümeur werden. Dabei empfiehlt es sich, möglichst früh zu beginnen – man müsste bereits im Kindergarten anfangen und in der Schule dann Riechstunden einführen. Mit 50 wird man kein Parfümeur mehr, genauso wenig wie ein Profi-Skifahrer – jedenfalls nicht in der Perfektion.

Riechen ist ein Sinn, den wir sehr vernachlässigen, auf den wir keine Aufmerksamkeit richten, und der doch über vieles entscheidet, was in unserem Leben passiert, wie wir uns fühlen und welche Entscheidungen wir treffen, was auch wieder eine Brücke ins Marketing schlägt. Nehmen wir das Beispiel beduftete technische Geräte. Sie denken, bei der Auswahl des Fernsehers im Geschäft war die Bildqualität entscheidend, aber in Wirklichkeit haben Sie nach der Nase ausgewählt, weil der Duft dieses Fernsehers eine angenehme Erinnerung wachrief, während die anderen Geräte nicht diesen Effekt auf Sie hatten. Die meisten Gegenstände und Personen geben Duft ab, und dieser spielt bei unserer Bewertung eine entscheidende Rolle.

Das Interview führte Sabine Wegner, Chefredakteurin Multisense Institut.

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